Oct 022012
 
Freunde und Kämpfer für die Schwulen- und Lesbenbewegung - Hella von Sinnen und Dirk Bach

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Dass er so klein war und dick und rund hat sein Leben geprägt. Sein Image, seinen Beruf, sein Engagement. “Ich glaube, dass mein Körper so sein soll”, hat Dirk Bach einmal gesagt: “Das Runde passt zu mir.” Der erste, der optische Eindruck, den er bei seinen Mitmenschen hinterließ, bestimmte seinen Umgang mit ihnen, grinsend und lachend, mit Augenzwinkern und im Kumpelton. Einer zum Knuddeln und einer zum Liebhaben. Mit Grenzen, die er sehr wohl kannte. Wie er sie kennengelernt hat bei den schwulen Männern, den jungen, schönen, gutgebauten. “Manche finden mich vielleicht putzig, aber vom Sexsymbol bin ich dann doch weit entfernt.” Und die Heterosexuellen? “Die finden mich als Neutrum süß, so wie mich die Kinder in der “Sesamstraße” süß finden als Zauberer.”

Dirk Bach musste sich mit dieser Zuwendung und Ablehnung zugleich arrangieren. Sie zwang ihn, mutig zu sein. Sie zwang ihn zur Gegenrede. Er war furchtlos von Beginn an. Da ging er noch in die Schule und schrieb für die Schülerzeitung, die “Der Knüppel” hieß, einen Artikel gegen den Paragrafen 175. Und das in den 1970er Jahren, als das Verbot männlicher Homosexualität noch virulent war und viel Courage dazu gehörte, sich als Schwuler öffentlich zu zeigen. Ebenso hartnäckig verfolgte er seinen Lebenstraum, Schauspieler wollte er sein, obwohl ihm bis zum ersten Auftritt alles daneben ging. Dreimal blieb er sitzen, bis er dann von der Schule flog. Mit 17 stieg er auf die Bühne im “Jugendklub Kritisches Theater” am Schauspielhaus seiner Heimatstadt Köln. “Prometheus”, ein Stück von Heiner Müller, inszeniert von Hans Günther Heyme, dem Schauspielleiter des Theaters. “Plötzlich saß ich da; in eine Zwangsjacke gepfercht, mit einem zerstückelten Gummi-Geschlechtsteil, einen Eselskopf übergestülpt – zwei Meter hoch auf einem Stahlstuhl. Definitiv ein erhabener Moment.”

Schrill, tuntig, bonbonbunt – so wurde Bach erfolgreich

Diese erhabenen Momente sollten es sein, die den kleinen Mann weiter antrieben, und er tingelte in anspruchsvollen Stücken über die Bühnen der Off-Theater-Szene in Köln und Wien, in Amsterdam und Brüssel, sogar in London und New York. Bis ihn die schwulen Freunde riefen, die vom Kölner “Theater in der Filmdose”, und ihn in die Klamotte schickten, “Geierwally”, tuntig und rotzfrech inszeniert. Das war die schräge Unterhaltung, die das Publikum liebte in den 1980er Jahren, dröhnend laut und bunt jede Geschmacksgrenze überschreitend. Mehr als 300 mal wurde das Stück auf deutschen Bühnen gezeigt, mittendrin der Mann mit dem Kugelbauch, wie er sich mit seinen kurzen Beinen im Trippelschritt die Bühne eroberte. Das war sein Durchbruch.

Es folgte die erste Filmrolle im gleiche Stil, schrill, tuntig, bonbonbunt. Dirk Bach spielte Willi Wunder aus Käseburg in “Im Himmel ist die Hölle los”. Der Schauspieler bewegte sich jetzt im Mustopf eines schwulen Kulturbetriebs. Walter Bockmayer hatte ihn für die “Geierwally” entdeckt und Alfred Biolek, der Kölner Strippenzieher beim Fernsehen, vermittelte die ersten TV-Kontakte. Bach hatte keine Angst vor Trash und schlechtem Geschmack. Genau dafür liebten ihn die Menschen, dann lachten sie über ihn und er konnte mit ihnen lachen, so als sei das die bessere Wahl. Natürlich gab es noch die großen Rollen am Kölner Schauspielhaus, den Narr in Shakespeares “Was ihr wollt”, den Spiegelberg in “Die Räuber”, die Titelrolle in Sternheims “Bürger Schippel”, den Neonazi Mick in “Waikiki Beach”. Hier war er geachtet und man begegnete ihm mit Respekt, aber die Liebe des Publikums erfuhr er erst dann, wenn sie sich kringelten vor Lachen, sobald er auf die Bühne trat oder vor die Kamera.

Bach zeigte, dass Schwulsein geht

Dass er schwul war brachte ihn in die richtige Stellung, sich das Ganze auch aus der Ferne zu betrachten, aus der Außenseiterposition. Natürlich machte er nie einen Hehl daraus – warum sollte er auch? Die Leute mochten ihn trotzdem, ihm nahmen sie es nicht übel, er war halt ein Komödiant. Er und seine Kollegen, Hella von Sinnen, Ralph Morgenstern, Georg Uecker, Thomas Hermanns, Maren Kroymann – aus der Unterhaltungsbranche allesamt, hatten als prominente Homosexuelle, so scheint es bis heute, weniger zu befürchten, keinen Karriereknick, keine abfälligen Bemerkungen, keine dummen Witze. Über sie war das Lachen ja schon erlaubt.

Die schwule Szene war Bach dankbar, so wichtig war er als Vorbild, als Verweis darauf, dass Schwulsein geht. Dirk Bach war – wie es jetzt im Nachruf des schwulen Nachrichtenportals “queer.de” heißt, der “König der schwulen Herzen”. Mit dem CSD-Preis ehrte die Kölner Szene ihn 2011 für sein Engagement: für die Gleichstellung homosexueller Paare, im Kampf gegen HIV und Aids. “Cover me”, die Benefiz-Gala für die Stiftung “Lebenshaus” und die Kölner Aids-Hilfe, hatte er 2002 mit ins Leben gerufen, die Veranstaltung ist längst Kult und weit über die Kölner Stadtgrenze hinaus beliebt. Am 10. Dezember hätte Dirk Bach sie wieder moderieren sollen, die elfte Ausgabe. Jetzt fehlt er und es ist niemand da, der ihn ersetzen kann.

FOTO: Freunde und Kämpfer für die Schwulen- und Lesbenbewegung: Hella von Sinnen und Dirk Bach

Eine Würdigung von Elmar Kraushaar
http://www.stern.de/lifestyle/leute/zum-tod-von-dirk-bach-der-koenig-der-schwulen-herzen-1903865.html

 

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